Kind mit BüchernLasst uns doch einmal ehrlich sein. Wer von den Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen will denn „heutzutage“ noch wirklich lesen?

Stundenlang fast unbeweglich auf der Stelle rumzusitzen und unzählige Zeilen mit Worten und Buchstaben in sich aufzunehmen. Das ist doch eigentlich uncool. Und langweilig. Da hat man mit seinem Smartphone, dem Tablet, der Spielkonsole doch mehr Spaß.

Oder?

Zugegeben, auch bei diesen „Aktivitäten“ sitzt man fast unbeweglich irgendwo herum und starrt, in diesem Fall nicht auf Buchstaben auf Papier, sondern auf einen Bildschirm. Aber irgendwie ist dabei doch mehr „Action“. Wenn man keine Lust mehr hat, kann man einfach anhalten, wegzappen oder ein anderes Spiel, eine andere App oder einen anderen Film aufrufen.

Aber: kein Autor, der mich zwingt, Wort für Wort, Zeile für Zeile langweiliger Buchstaben in mich aufzunehmen. Ich schaue lieber einen Film. Jederzeit verfügbar. Unterbrechnungsfrei fortzusetzen. Inhalte gelangen direkt über Auge und Ohr in mein Gehirn und nach ca. 2 Stunden bin ich fertig und bereit für etwas Neues. Schöne neue technische Welt!

Das ist doch pure Freiheit!

Klingt überzogen?

Mag sein. Aber ich glaube, dass es so ziemlich die Realität trifft. Erst einmal ganz wertfrei. Auch ich teste schon mal „30 Tage kostenlos und ohne Bindung“ das supertolle Angebot eines Streamingdienstes. Es gibt ja auch (fast) alles dort. Und wenn es mir gefällt, kann ich für eine rel. geringe Pauschalzahlung alles sehen. Jederzeit. Überall. Keine DVD kaufen gehen. Keine Parkplatzsuche. Kein volles Regal. Praktisch. Klasse.

Und wer lieber lesen möchte, kann natürlich immer noch auf eBook Flatrate zurückgreifen. Alle Bücher. Jederzeit. Überall. Genau wie bei Streamingmedien, die ich eben beschrieb.

Auch klasse!

Klasse?

Ja. Auf den ersten Blick ist das eine feine Sache. Auch ich unterliege schon mal dieser „Versuchung“. Wenn man kaputt von der Arbeit heim kommt und der Abend eigentlich schon vorbei ist, dann ist es doch leicht, die Kiste (welche auch immer) anzumachen und sich berieseln zu lassen. Ich bin so frei!

Unseren Eltern, die „damals“ noch ohne Smartphone aufwachsen „mussten“, warfen wir immer vor, sich jeden Abend einfach nur vor die „Glotze“ zu setzen und berieseln zu lassen. Wir sind jetzt ganz anders drauf. Wir lassen uns nicht vorschreiben, was wir wann zu sehen haben. Ich lasse mich doch nicht von der „Glotze“ an einen Platz fesseln. Never, ever! Ich bin so frei!

Bin ich wirklich frei?

Haben wir uns nicht nur eine andere „Glotze“ ausgesucht? Sie steht nicht mehr in Ecke des Wohnzimmers oder im großen Fach der altdeutschen Schrankwand. Dieser alte Kasten war eher mit einer Spinne zu vergleichen, die in der Wohnzimmerecke sitzt und auf ihre Beute lauert. Und sobald sie angeschalten wurde, klebte man wie im Netz davor und kam nicht mehr weg.

Unsere „neuen Glotzen“ sind hingegen viel schlimmer. Sie ähneln eher einem Parasiten, der sich an uns festgesaugt hat. Das Smartphone klebt ständig und immer und überall an uns. In der Hand. Auf dem Tisch in Reichweite. In der Handtasche, der Hosentasche oder am Gürtel hängend. Dieser Parasit braucht nicht wie die Spinne in der Ecke darauf zu warten, dass jemand kommt und ihm in die Falle geht. Dieser Parasit hat es geschafft, dass wir das „Spinnennetz“, in dem wir kleben, mit uns herumtragen. Wir haben uns freiwillig darin eingewickelt und merken gar nicht, wie es uns immer weiter einspinnt. Und dieser Parasit hat noch einen fiesen Trick auf Lager: wenn er mal nicht in Reichweite ist oder außer Funktion, kommt der Virus dieses Parasiten zu Zuge. Dann beschleicht uns Verlustangst. Dann fehlt uns etwas. Dann sind wir nicht mehr erreichbar. Dann müssen wir – irgendwas anderes machen. Wir haben Angst, Dinge zu verpassen, sind einfach nicht mehr informiert. Wo ist die nächste Steckdose? Warum gibt es hier kein WLAN?

Freiheit?

Und die riesige Auswahl an Möglichkeiten und Optionen. Ist das eine wirklich so feine Sache, wie eingangs beschrieben?

Mich versetzt dieser Überfluss von Angeboten und Möglichkeiten manchmal regelrecht in Streß. Was schaut man denn jetzt nun? Was gibt es denn noch? Gibt es etwas Besseres? Will ich das jetzt überhaupt sehen oder sollte ich lieber das andere Angebot wählen? Und bevor ich mich schließlich für eine Sache entschieden habe, ist ratzfatz eine halbe Stunden oder mehr ins Land gegangen, weil ich mich einfach nicht entscheiden konnte.

Das ist in etwa so, als wenn man vor einem Traumschiffbuffet steht und die Unmengen an Leckereien anschaut. ALLES sieht so lecker aus und verspricht höchsten Genuß. Was soll man da nur nehmen? Was ist, wenn ich zu schnell satt werde und Dieses oder Jenes gar nicht probieren kann?

Streß!

Vielleicht übertreibe ich ein wenig. Obwohl ich mir da gar nicht so sicher bin. Ich erlebe es ja selbst. Kein oder nur ein sehr eingeschränktes Angebot zu haben ist nicht das Wahre. Egal, worum es sich handelt. Aber ein Überangebot ist ebenso wenig erstrebenswert. Ich kann dann das einzelne Angebot gar nicht mehr wirklich zur Kenntnis nehmen, geschweige denn einfach nur genießen. Denn ständig hängt mir „etwas (vermeintlich) Besseres“ im Nacken und zerrt an mir, es doch endlich auszuwählen.

Mein Großvater sagte immer (und dieser Spruch hat sich mir eingeprägt): „Zu viel und zu wing, ist eh‘ Ding“ – Also frei übersetzt: „Zu viel und zu wenig ist das Gleiche“. Je länger ich lebe, merke ich, dass in diesem Spruch viel Weisheit steckt. Auch wenn es so scheint, als wenn ein Überfluß dann doch die besser Wahl wäre. Ist das so? Ich sage nur: Dauerregen. Hitzewelle. – um ein paar Beispiele zu nennen.

Und vor diesem ganzen Hintergrund könnte man ja nun meinen: Leseförderung wäre tatsächlich überflüssig. Denn wer liest heute schon noch ein Buch?

Doch dann war da am Dienstag wieder einmal der alljährliche Vorlesewettbewerb der Klassen 2, 3 und 4 der Evangelischen Grundschule Waldschule Eichelkamp in Wolfsburg.

Ich durfte als Juror und Sponsor für die Sieger bereits zum vierten Mal daran teilnehmen. Zwischen 8.45 Uhr und 12.30 Uhr traten die jeweils Klassenbesten im Vorlesen auf offener Bühne gegeneinander an. Also ich meine, sie sollten nacheinander einen geübten Text und einen unbekannten, ungeübten Text vor ihrem versammelten Jahrgang vorlesen. Ich kann euch sagen: da konnte man schon manche Aufregung in den Gesichtern erkennen. Oder wenn die Beine unter dem Tisch wie ein Pertuum Mobile im Gange waren, war jedem klar: da ist jemand furchtbar aufgeregt!

Aber auch dieses Jahr war es schön mit anzusehen und anzuhören, wie die Kleinsten an ihre Texte herangingen. Wenn flüssig gelesen wird, wenn die richtigen Betonungen erfolgen – dann wird eine Geschichte für den Zuhörer lebendig und entsteht vor seinem geistigen Auge. Für die Jury ist es dann immer sehr schwer den oder die beste Vorleserin jeder Jahrgangsstufe herauszufinden und zu küren. Ja: „Vorleserin“. Denn dieses Jahr war kein einziger Junge dabei. Schade. Da gibt es (ebenfalls) in Sachen Jungenförderung noch viel zu tun in unserem Land. Wie gesagt, es war schwer, einen Sieger zu küren. Denn alle sind gut. Gerade wenn man auch bedenkt, wie lange sie schon lesen können. Was bei den Zweitklässerln immer wieder erstaunlich ist. Es macht ihnen richtig Spaß zu lesen. Und ihre Klasse steht natürlich wie ein treuer Fanclub hinter ihnen. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, was in einer von 11 Klassen gefüllten Pausenhalle los ist, wenn für „ihr“ Kind der erste Preis im Vorlesewettbewerb ausgerufen wird. Ein startender Düsenflieger macht kaum weniger Lärm. 🙂

Das sind dann die Momente, wo auch Lehrer strahlen. Und Lesepaten. Und Buchhändler, wie ich.

„Ja, das war ja wieder klar!“, höre ich es schon schallen. Aber so meine ich das gar nicht. (Jedenfalls nicht nur 😉 )

Es ist einfach schön zu sehen, wie wichtig es ist, Kinder an das Lesen heranzuführen. Durch Lesen werden Inhalte noch einmal ganz anders aufgenommen, als „nur“ durch das Schauen. Und Lesen ist etwas sehr Persönliches. Die Geschichte entwickelt sich im eigenen Kopf. Da bin ich der eigene Regisseur der Story. Ich bestimme, wie ein Schauplatz aussieht. Der Autor hilft mir lediglich ein bisschen dabei.

Darum: ja, man kann die technischen Errungenschaften durchaus nutzen. Aber wenn wir das Lesen aufgäben, nähmen wir uns so viel. Das können uns andere Medien in dieser Form niemals bieten.

Haltet eure Kinder zum Lesen an, ihr Eltern. Und geht mit gutem Beispiel voran. Und eins steht fest: Kinder, die lesen, wissen mehr und haben es später mal leichter!

In diesem Sinne korrigiere ich meine Überschrift auf „Leseförderung ist nicht überflüssig“.

Alles klar soweit?

Bis demnächst!

Andreas

 

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